Neue Pferde in der alten Reithalle
Published October 17th, 2007 in LebensArt
In der alten Reithalle vom AZ Mülheim gab es letzte Woche ein Pferdespektakel der besonderen Art zu belachen und beklatschen - Mendy, das Wusical von Helge Schneider.
Es geht um Liebe und Familienleben, um menschliche Sehnsüchte und Abgründe, um Moral und Gewalt. Aus diesem Stoff hat Helge Schneider eine skurrile Verflechtung von Seifenoper, Komödie, Tragödie und Porno bei jazziger Live-Musik Untermalung mit Splatter-Elementen geschaffen. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Die große Liebe der pubertären Wendy ist Mokka, ihr Araberhengst. Zu ihrem Leidwesen stellt sich die strenge und vom Leben frustrierte Mutter “Lady Mamma” mit ihren Erziehungsversuchen zwischen das Glück der beiden. Mokka wiederum leidet an einer Identitätskrise, da er von seinesgleichen auf der Pferdeweide nicht anerkannt, sondern massiv gemobbt wird. Wendys Vater sitzt nach einem Reitunfall im Rollstuhl, sein einziger Lebensinhalt ist sein weißer Porsche, Baujahr `85. Damit er sich einen Satz neuer Reifen leisten kann, verkauft er Mokka an den Schlachter. In letzter Minute kauft Wendy das Leben des geliebten Mokka mit ihrem eigenen Leben frei. Während Wendy mit den anderen Tieren im Schlachthaus auf den Schlachttermin wartet, plagen den Vater Gewissensbisse. Das Spektakel nähert sich dem Showdown.
Das Wusical überzeugt nicht nur durch Helge Schneiders Limbo-Humor in der Szenerie eines Reiterhof- und Familiendramas sowie kuriose bis abstossend böse Charaktere. Es ist auch eine bissige Gesellschaftskritik. Eine herzlose Lady Mamma zum Beispiel, die ihre Tochter Wendy unerbittlich dazu zwingt ihr Zimmer aufzuräumen (”Du machst es jetzt! Du machst es jetzt! DU MACHST ES JETZT!!!”), obwohl Wendy es dann heute nicht mehr in den Reitstall schafft, hat auch keine Gewissensbisse, sie an den Schlachter zu verkaufen.
Vor ein paar Jahren hat die die Urinszenierung dem Bochumer Schauspielhaus ausverkaufte Säle und ein begeistertes Publikum bereitet. Aber die Aufführung im AZ stand dem Original in keinster Weise nach, sondern hat noch besser gefallen durch den Charme und die Originaltät der (Laien?-)Schauspieler als auch der begleitenden mit Reitkappen ausstaffierten 2-Mann Begleitband, und schließlich die zahlreichen HelferInnen in Blaumännern, die in hektisch und chaotisch anmutender Betriebsamkeit die Dynamik des Stücks durch atemberaubende Umbaupausen noch unterstrichen haben.
Neuerdings können sich alle, die das Spektakel verpasst haben, durch den mit Wusical-Melodien unterlegten Photoroman im Comic-Style einen Eindruck verschaffen, und alle, die`s gesehen haben, in Erinnerungen schwelgen.
Wer den Photoroman erleben oder mehr wissen will, wird auf der Homepage fündig: http://www.wusical.de
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